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Ausdrücklich nachgefragt.



FRAGE:

Herr Dr. Psyclovil, als renommierter Psychiater bzw Therapeut sind Sie laufend mit den Schwierigkeiten Ihrer Klientel konfrontiert, ihr Innerstes frank und frei auszudrücken, um vielleicht dadurch wieder schneller zu gesunden.

DR. PSYCLOVIL:

Nein, im Gegenteil, wir leben in einer - ich würde durchaus sagen - „expressionssüchtigen“ Zeit. Die meisten meiner PatientInnen mögen zwar ihren Eltern nie die Wahrheit ins Gesicht sagen können. Aber nahezu alle sind in der Lage, ihre vielleicht schizoide Disposition als Youtube Videos hoch zu laden, oder jeden paranoid aufkreuzenden Archetypus mit facebook Postings vorübergehend zu befrieden.

FRAGE:

Sich persönlich wie auch immer „Ausdruck“ zu verleihen, sei es künstlerisch oder in kreativen Hobbies..

DR. PSYCLOVIL:

..ist gewissermaßen zur „Heiligen Kuh“ geworden, insbesonders im europäisch geprägten Individualismus. Betrachten Sie nur die gewaltige Fülle kreativer Selbstdarstellungen in den sozialen Medien, die ungeheure Flut an photogeshopten Psychogrammen an allen Ecken und Enden! Wie und wo sollte hier noch „mangelnde Ausdrucksfähigkeit“ das Hauptproblem der zeitgenössischen Psychotherapie sein?

FRAGE:

Sondern?

DR. PSYCLOVIL:

Die Unfähigkeit, sich einzudrücken.

FRAGE:

Interessant. Aber ist es grundsätzlich nicht wichtig, dem eigenen Inneren möglichst kontinuierlich „Ausdruck“ zu verleihen? Besonders bezüglich psychischer Gesundheit und Selbstzufriedenheit?

DR. PSYCLOVIL:

Ja, es ist bedeutsam. Allerdings kann das Heilsame rasch zum Albtraum kippen, man kennt das ja aus der Geschichte des Heils.

FRAGE:

Sich ausdrücken zu können - nicht mehr heilsam?

DR. PSYCLOVIL:

Auf den ersten Blick natürlich schon! Verleihen Sie einer Senf- oder Mayonnaisetube „Ausdruck“ - die ersten Ergebnisse werden sich beim Speisen als kleine Glückseligkeiten erweisen, oder mehr als das. Verleihen Sie etwa der UHU Tube Ausdruck, stellen sich zweifellos auch viele praktische Alltagsergebnisse ein. Und wie man weiß, entkommt man auch dem morgendlichen Stuhlgang nicht ohne einen gewissen Ausdruck von Zufriedenheit im Gesicht..

FRAGE:

Warum zählen Sie dann zu den schärfsten Kritikern der von Ihnen zitierten „Expressionssucht“?

DR. PSYCLOVIL:

Schlicht, weil beim Verherrlichen des Sonnenlichtes wie immer der Schatten verdrängt und vergessen wird. Nochmals zur Mayonnaisetube. Sie auszudrücken, macht primär vielleicht happy, sekundär möglicherweise einen bedenklichen Cholesterinspiegel. Den Darm glückselig entleert zu haben, ändert nichts an möglichen Problemen der Abwasserentsorgung, besonders in ärmeren Ländern. Und das ewige Hochjubeln eigener kreativer Meisterleistungen verbirgt nun schon sehr massiv die allgemeine völlige Unfähigkeit, noch introimpressivissimo zu agieren.

FRAGE:

Sie überfordern mich.

DR. PSYCLOVIL:

Introimpressivität ist die Fähigkeit, dem alles übertönenden Weltenschrei durch das - leider völlig verlernte - Dimmen des inneren Volumereglers zu entkommen.

FRAGE:

Meinen Sie Wachstum auch durch Stille? Wie es der Buddhismus oder Taoismus praktizieren?

DR. PSYCLOVIL:

Sinngemäß, durchaus. Wer nicht mehr in der Lage ist, ein pragmatisches Gleichgewicht zwischen Ausdruck und Eindruck aufrecht zu erhalten, wird sich schnellstens unheilbar knipsoinstragramieren.

FRAGE:

Was bedeutet..

DR. PSYCLOVIL:

So nennt sich - zugegeben etwas geschwollen - der zeitgenössische explosive Umkehrschub zwischen Darstellern und Betrachtern. Vor zwanzig Jahren lag das Verhältnis noch bei 1:10. Stellen Sie sich heute eine Million Models auf der blühenden Instagram Wiese vor, mit nur mehr zehn landungswilligen Schmetterlingen, und auch die landen sowieso nur auf ihren eigenen Fotos.

FRAGE:

Also ist „sich ausdrücken“ allein..

DR. PSYCLOVIL:

..keine Heilige Kuh mehr! Man muß sich, und sei es auch schmerzhaft, für seine seelische Gesundheit - heutzutags mehr denn je - gleichzeitig EINDRÜCKEN können. Nennen Sie mir EIN Sofa, das seinen Job richtig erledigt, wenn es sich gegenüber der Bladesse eines Mega-Arsches nicht mehr harmonisierend nach unten drückt, bereit, gerade und auch in der Last äußerer Kräfte seine ganze professionelle Würde zu wahren! Wir alle sind leider zu blindwütig und völlig sinnlos agierenden Expressions-Junkies verkommen. Betrachten Sie bloß die Musikszene. Mittlerweile gibt es bereits MEHR Bühnenakteure als Publikum, und auch hier findet eine massive Knipsoinstagramierung statt, genauer ihre Unterform Likemeyoutoobismus. Der Bühnenkönner ist längst der gleichzeitige Hybrid seines eigenen Fans, der sich schon während des Gitarrensolos sein eigenes Autogramm unterschreiben kann. Es wird auch bald soweit sein, dass Bandmitglieder und deren Familien dem einzigen extern zahlenden Gast das Mikro überlassen. Nun, so ergeben sich für Livestreams wenigstens spannende neue Kreativkonzepte.

FRAGE:

Wie stellen SIE Ihr persönliches Gleichgewicht zwischen Ein- und Ausdruck her?

DR. PSYCLOVIL:

Ich versuche, meinen persönlichen Fußabdruck in der Geschichte a priori auf die fossile Sandspur einer kleinen Zehe zu reduzieren. Denn hat man in seinem Leben auch den größten Eindruck hinterlassen, mit eindrücklichen Denkmälern, ausdrücklichen Würdigungen, vielleicht mit tausend beeindruckenden Buchdrucken: Vor dem Druckausgleich gelegentlichen Bedrücktseins wird man sich nie drücken können. Und alles, was nicht schon vom Gerichtsmediziner ausgedruckt wurde, möge als vergessenes Wimmerl gerne mit mir zur Hölle oder in den Himmel fahren. Dann weiß ich auch dort noch, was mich beim Grübeln manchmal so gedrückt hat.

FRAGE:

Danke für das eindrucksvolle Gespräch.

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Herausgegeben von WEAMASCHAUN Private Weltliteratur Heli Deinboek - A-1140 Wien / Osterlich. Fotos: pixabay / Videos: Enlight Videoleap. Diese Webseite enthält Links zu anderen Webseiten, für deren Inhalt wir nicht verantwortlich sind. Haftung für verlinkte Websites besteht laut § 17 ECG für uns nicht, da wir keine Kenntnis rechtswidriger Tätigkeiten hatten und haben, uns solche Rechtswidrigkeiten auch bisher nicht aufgefallen sind und wir Links sofort entfernen, wenn uns Rechtswidrigkeiten bekannt werden.